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Tuesday Post 26 Mai 2020

von | Mai 26, 2020

Es ist interessant zu beobachten, wie wir Menschen durchs Leben gehen und jeden Tag von Ereignissen und Erlebnissen angetrieben werden, die sehr, sehr weit zurückliegen.

Wir kommen auf die Welt und erleben im Normalfall unsere Eltern als die ersten unverzichtbaren Bezugspersonen. Wir sind auf sie angewiesen. Auf ihre Fürsorge, Liebe und Wärme. Wir brauchen ihren Blick, ihr Lob und ihre Anweisungen. Oft gehörte Worte von Papa und Mama sind jene Sätze, die auch nach vielen Jahren noch in uns nachhallen. Wir schleppen sie in Form von Glaubenssätzen und Antreibern durchs Leben. Wir haben sie als Botschaften aufgenommen, die uns sagen, wie wir am besten im Leben bestehen können.

Es gibt viele unterschiedliche Antreiber. Einer der wichtigsten ist der „Sei-perfekt“-Antreiber. Noch als gestandener Familienvater, erfolgreiche Geschäftsfrau oder angesehene öffentliche Person folgt man unbewusst der innerlichen elterlichen Stimme, die da sagt: „Du bist nur dann okay, wenn du alles richtig machst.“

Eine Aussage, die man in der Kindheit oftmals sehr schmerzhaft verinnerlichen musste und die dazu führt, dass man sich als Erwachsener in einer Art Wiederholungsschleife in seinem Denken und Handeln blockiert. Denn in der Realität können wir den Anforderungen dieses Antreibers niemals entsprechen. Die Absolutheit dieses Satzes lässt uns ständig scheitern, denn niemals ist es „gut genug“. Was passiert also? Man kommt zu dem Schluss: „Ich muss es noch besser machen“, so dass ein Kreislauf eintritt, der viele Menschen an die Grenzen der Belastung kommen lässt.

Ein Klient in einer gehobenen Führungsposition, war beispielsweise nicht imstande zu delegieren. Er hörte ständig den Satz seines Vaters: „Das langt nicht. Ich bin erst zufrieden, wenn du besser wirst,“ Als Kind hatte er das bei den Hausaufgaben gehört, bei den Schulnoten, beim Handball. So war er groß geworden.

Nun arbeitete er bis tief in die Nacht, weil nur er ja eine „gewisse Qualität der Arbeit“ sicherstellen konnte. Zufrieden war er trotz allen Aufwandes nie. Die von ihm gesuchte Perfektion war immer fehlerhaft und unterlief jemandem aus seinem Team ein Lapsus, so explodierte er förmlich.

Es war kein wirklich glückliches Leben, was er führte. Alles wurde in Leistung abgerechnet. Ob im Job, im Sport, ja selbst in der Familie ging es zu wie bei der Bewertung von Fußballprofis, nur die Performance und das Ergebnis zählten. Der Mann wiederholte sein erlebtes Muster eins-zu-eins.

Dazu verstellte ihm der Hang zur Perfektion jeden Blick für das Positive. Immer fehlte etwas. Grausam für ihn selbst und alle, die mit ihm zu tun hatten. Dieser Drang hatte ihn zwar weit nach oben in der Firmenhierarchie katapultiert, dazu für ein üppiges Gehalt gesorgt. Aber erst als sich seine Frau von ihm zu trennen drohte, setzte er sich mit seinem Antreiber auseinander. Eine Herausforderung.

Wir arbeiteten an seinem Glaubenssatz, der da lautete: „Ich muss es immer besser hinkriegen“ und wir schafften es, ihn umzuformulieren. Es war ein erhebender Moment für ihn, als er seinen neuen Glaubenssatz das erste Mal laut und deutlich aussprach: „Ich bin gut genug, so wie ich bin und ich darf auch Fehler machen.“

Es war eine Befreiung für ihn, sich die Erlaubnis für ein anderes Verhalten zu geben. Er arbeitete im Nachgang konkrete Schritte aus, wie er den neuen Glaubenssatz in sein Leben integrieren könnte. Dazu gehörte es, zu überprüfen, ob die Erwartungen an sich mit denen der anderen übereinstimmten oder sich über die tatsächliche und existierende Tragweite von Fehlern bewusst zu werden. Vor allem aber lernte er, dass erst in der Übertreibung von Genauigkeit und Präzision sein Verhalten ins Negative zu kippen drohte. Das alles half ihm.

Es gibt also gewichtige Gründe, warum Menschen sich auf eine gewisse Art verhalten. Seien wir nachsichtig mit uns und anderen und geben vielleicht dem „kleinen Kind “ in uns ein wenig mehr Beachtung. Könnte sein, dass es vielen Menschen damit besser gehen würde, sagt ein nachdenklicher Mounir.