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Tuesday Post 02 Juni 2020

von | Jun 2, 2020

Im März saß ich im Flieger von Frankfurt nach Bangkok. Ich verbrachte die Zeit damit, mir ein paar Filme anzuschauen. Einer davon hieß „Le Mans 66“. Es war ein Autofilm. Man hatte ja Zeit. Die Story handelte davon, wie der US-amerikanische Autokonzern Ford beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans im Jahre 1966 erstmals Ferrari schlug. Die Geschichte wurde aus Sicht der US-Amerikaner erzählt. Matt Damon war der Konstrukteur des Sportwagens und Christian Bale spielte den Renn-Piloten. Zwei Helden, mit denen man sich wunderbar identifizieren konnte. Ich tat das auch.

Unsympathisch, link und arrogant wirkte die Konkurrenz aus Italien. Enzo Ferrari mochte man nicht, den böse dreinschauenden Fahrer von ihm sowieso nicht. Bis zum Schluss drückte ich wie wild den Amis die Daumen. Und als der italienische Widersacher im Rennen aufgeben musste wollte ich beinahe aufspringen und laut „yes“ ausrufen. Der Film endete mit einem grandiosen Sieg von Ford und ich hatte das Gefühl: „So, den Italienern haben wir es aber mal gezeigt.“

Ich wunderte mich. Ich ein „Ford-Fan“? Wenn man mich gefragt hätte, ob ich nun Ferrari oder Ford als Marke bevorzugen würde, hätte ich mich sicher für die Italiener entschieden. Das Teilen der Gedanken und Gefühle mit den Hauptdarstellern hatte mich aber voll und ganz auf deren Seite gezogen.

Geschichten aktivieren weite Teile unseres Gehirns, Ereignisse werden so besser emotional bewertet, dazu lassen uns Spiegelneuronen das Gesehene in einer Art nachempfinden als seien wir selbst die Protagonisten. Botenstoffe wie Dopamin sorgen dabei für eine Verstärkung.

Mir wurde klar: Wenn morgen ein zweiter Film auf den Markt kommen würde, der genau das gleiche Ereignis behandelt – nur eben aus Sicht der Italiener, dann würde ich bis zum Schluss für Ferrari zittern und hoffen, dass die „blöden“ Amis auf dem zweiten Platz landen. Alles eine Frage der Perspektive. Ein und dasselbe Ereignis und zwei völlig unterschiedliche emotionale Zustände.

Eine einfache und schon gar keine neue Erkenntnis und doch war ich wieder mal überrascht, wie leicht verführbar unser Gehirn ist.

Ich nahm dieses Erlebnis mit in meinen Alltag, um noch mehr darauf zu achten, wie wichtig Perspektivwechsel sind.

Denn genauso wie ich mich auf die Seite von Ford geschlagen habe, weil ich die Welt aus deren Augen miterlebte, so ist es ja auch mit dem Freund, der mir von seinem Problem in der Firma erzählt. So ist es mit der Tochter, die in der Schule einen Konflikt hat. So ist es mit meinem Lieblingsverein, der sich mit anderen herumärgert. Wir erleben die Welt aus deren Augen, aus deren Perspektive und dadurch entwickeln wir Empathie für sie.

Und natürlich gilt das vor allem auch für uns selbst. Weise sind die, die die Welt durch die Augen anderer sehen können. Denn wenn wir nicht bereit sind, mal die Perspektive zu wechseln und nur unsere eigene Sichtweise gelten lassen, glauben wir mal schnell, dass nur wir Recht haben können.

Doch eine neutrale, eine objektive, eine „richtige“ Sichtweise gibt es nicht im Leben. Es handelt sich immer nur um eine eingefärbte Herangehensweise. Deshalb liegt in vielen Problemen der Lösungsansatz darin, sich einfach mal in den anderen, in die andere Firma, in das kritische Gegenüber hineinzuversetzen und sich deren Blick mal anzuschauen. „Worum geht es den dem anderen?“, ist dann eine gute Frage. Oder: „Wie müsste ich denken, damit ich das gleiche fühle?“

So ein Herangehen führt zusammen. Verbindet, trennt nicht.

Wenn du also das nächste Mal wieder in deinem eigenen Film im Kopf zu einer Empfindung kommst, die dich ärgert, nervt, wütend macht, dann schau dir doch einfach mal den Film der anderen Seite an. Es könnte interessant werden. Empathie ist der Schlüssel für ein besseres Miteinander, für Respekt und Toleranz. Der Preis ist nicht hoch, einfach mal die Welt aus einer anderen Perspektive betrachten. Das kann Wunder wirken, sagt ein nachdenklicher Mounir.