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Tuesday Post 19 Mai 2020

von | Mai 19, 2020

Ein kalter Abend im Dezember 2020.

Eine Frau tritt auf den Balkon. Sie ist abgekämpft. Sie ist müde.

Es ist spät. Die Straßen sind leer und grau. Gerade erst ist die Frau nach Hause gekommen. Ein anstrengender Tag liegt hinter ihr. Die Schicht im Altenheim hat mal wieder länger gedauert. Und am nächsten Morgen steht bereits die nächste Schicht an. Die 14 Arbeitstage am Stück machen ihr zu schaffen. Sie würde gern ihr Arbeitspensum auf 85 Prozent reduzieren. Die körperliche und psychische Belastung ist einfach zu groß. Doch sie kann sich das nicht leisten, schon jetzt kommt sie mit ihren 1670 Euro netto kaum über die Runden.

Wie lange ist das her, dass sie hier stand und dem Beifall der Straße lauschte, mit Tränen in den Augen die Menschen an den Fenstern und Balkonen erblickte, wie sie ihr zuwinkten?
Wie lange ist es her, dass die Gesellschaft endlich mal anerkannte, was sie und die Kollegen im Pflegebereich leisteten?
Wie lange ist es her, dass die Bundeskanzlerin Menschen wie sie in ihren Reden heraushob? Der Satz: „Was Sie leisten, ist gewaltig“, klingt noch immer in ihren Ohren. Oh ja, das war es.

Während der Corona-Krise im Frühling setzte sie ihr Leben aufs Spiel. Ein 100-prozentiger Schutz war nicht möglich. Dabei gab es genügend Erkrankte und Tote in ihrem Heim. Kollegen infizierten sich. Doch auch die arbeiteten weiter. Sie stand wochenlang unter erweiterter Quarantäne, durfte die Wohnung nur zum Arbeiten verlassen. Sie ging an ihre Grenzen, blieb meist viel länger als sie sollte. Aber die Alten hingen ihr am Herzen, zumal sie ja auch keine Angehörigen sehen durften. Sie war Psychologin, Krankenschwester und Mutti in einem. Es waren dramatische Wochen. Über dem Eingang des Altenheims klebten Angehörige ein Plakat. Darauf stand: „Vielen Dank“. Das war nett.

Aber sie erlebte auch Anfeindungen. Im Supermarkt gegenüber der Arbeit wies sie mal ein Sicherheitsmann ab, „weil es doch so viele Tote im Altenheim gab“. In Mails und Briefen wurden Pflegekräfte aus ihrem Haus wegen der Erkrankten und Toten diffamiert. So als das alles ihre Schuld gewesen. Das war ziemlich hart. 1500 Euro erhielt sie irgendwann im Sommer. Das war in Ordnung. Sie kaufte sich eine Waschmaschine, lud ihre Tochter zum Essen ein und sparte den Rest an.

Und heute, ein halbes Jahr später? Keiner klatscht mehr. Keiner strahlt sie mehr an. Keiner spricht mehr in der Tagesschau von ihrem Beruf. Stattdessen geht es nach der überstandenen Krise darum, wer für die finanzielle Konsolidierung in diesem Land sorgen soll. Sie hat Angst, dass das „Gürtel-enger-schnallen“ mal wieder nur für Menschen wie sie gilt.

Wer wird die Hauptlast für die Einsparungen tragen? Werden die sozialen Berufe wieder mal bluten? Was ist mit all den Vermögenden, Reichen, den Unternehmen, den Konzernen? Traut sich die Regierung auch da ran, fragt sie sich?

Die Frau versteht nicht viel von wirtschaftlichen Zusammenhängen, aber sie fragt sich oft: Kann das alles wirklich so funktionieren?

Funktioniert es, dass ein Konzern wie TUI einen Kredit von 1,8 Milliarden Euro erhält und als erstes 8000 Menschen entlässt?

Funktioniert es, dass VW in den letzten drei Jahren 38 Milliarden Euro Gewinn nach Steuern einfährt, dann aber erst einmal Geld von der Regierung einfordert?

Funktioniert es, dass Lufthansa neun Milliarden Euro bekommt, aber etliche Tochtergesellschaften in Steueroasen hat, um deren Steuern nicht in Deutschland abzuführen?

Funktioniert es, dass Konzerne den Staat um Finanzspritzen bitten, aber erst einmal Dividenden und Boni in Milliardenhöhe auszahlen?

Funktioniert es, dass eine Firma wie Apple in Deutschland 10 Milliarden Euro Umsatz macht, aber nur 25 Millionen Euro an Steuern bezahlt?

Funktioniert es, dass ein Millionär in Deutschland, der von Kapitalanlagen lebt, nur 25 Prozent Abgeltungssteuer zahlen muss, während selbst der Durchschnittsverdiener höher besteuert wird?

Fragen über Fragen.

Wo ist die Solidarität von jenen, die mehr haben, mehr verdienen, mehr besitzen?

Was ist passiert, dass vor allem bei Berufen, die sich um die kümmern, die uns eigentlich am nächsten sind, unseren Kindern, Kranken und Alten, so gespart wird? Müsste man nicht gerade dort, große Anreize schaffen, fragt sich die Frau?

Schon jetzt fehlen hunderttausende in der Pflege. Dabei steigt der Bedarf aufgrund des Altersniveau in der Gesellschaft immer weiter.

Aber keiner will in der Pflege arbeiten. Kein Wunder, denkt sich die Frau, bei dieser Bezahlung. Immerhin steigt der Mindestlohn bis 2022 auf 13,40 Euro. Weniger als auf dem Bau, aber immerhin.

Es ist kalt geworden auf dem Balkon. Die Frau tritt in die Wohnung. Sie hat eigentlich Hunger, aber sie ist zu müde, um sich noch was zu essen zu machen.

Am Kühlschrank erblickt sie das selbstgemalte Bild von der Enkelin einer älteren Dame aus ihrem Seniorenheim, die zum Glück noch am Leben ist. Ein Regenbogen ist zu sehen, darunter steht „Dahnke fon Lilli“. Ein Lächeln kommt ihr auf einmal auf die Lippen. Sie denkt sich: „Ja, es hat Sinn was ich mache. Ich weiß, warum ich das alles mache…“ und geht langsam Richtung Schlafzimmer.

Lasst uns nicht vergessen, wer die Stützen dieser Gesellschaft sind und dass ihnen mehr gebührt als ein paar warme Worte, sagt ein nachdenklicher Mounir.