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Tuesday Post 31 März 2020

von | Mrz 31, 2020

Diese Zeit ist geprägt von Unsicherheit, Ungewissheiten und Ängsten. Jeder sucht sich seine eigene Strategie, um die Ereignisse im Außen zu verarbeiten. Die wenigsten stellen sich ihrer Angst, weil sie nicht gelernt haben, mit Bedrohungen umzugehen. Ängstlich sein; das wurde ja auch vielen Menschen in frühen Jahren als etwas Schädliches, Schlechtes beigebracht. Dabei ist einer der besten Wege, um mit Ängsten klarzukommen, sie anzunehmen, sie zu beobachten, den Gedanken zu Ende führen, ja, was passiert denn eigentlich im Worst-Case-Fall? Was kann ich dem entgegenstellen? Und welche Vorstellung macht mir wirklich Angst? Es gilt also, sich zu beobachten. Jeder von uns verdrängt seine Ängste anders. Wahrzunehmen, wie das funktioniert, ist der erste Schritt für einen besseren Umgang damit.

Ich habe neun Corona-Krisen-Typen beobachtet und sie mal beschrieben, ein wenig überzeichnet und ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Da wir alle unterschiedliche Anteile in uns tragen und immer eine Mischung sind, erkennst du dich vielleicht in mehreren Archetypen wieder, sagt ein nachdenklicher Mounir.

DER VERSCHWÖRUNGSIDEOLOGE:
Der Verschwörungsideologe kommt derzeit voll auf seine Kosten. Die Toten und Kranke sind Teil eines großen Planes. Es gibt eine höhere Gewalt, die für die Verbreitung des Virus verantwortlich ist. Eigene Ängste brauchen nicht thematisiert werden. Denn man ist als Individuum eh nur ein Spielball und somit gibt es auch keine Grundlage für eigenes Handeln. Die Welt hat es in den Augen des Verschwörungsideologen leider nicht kapiert. Dabei ist alles sehr offensichtlich. Dunkle Mächte übernehmen derzeit die Weltregierung. Der Virus ist nur Mittel zum Zweck, damit eine „new world order“ etabliert wird. Illuminati, Freimaurer, Islamisten, Merkel, CIA, Pharmakonzerne sitzen am Steuer. Fakten sind Teil einer Lügenmaschinerie und werden einfach negiert. Gefühle lässt der Verschwörungsideologe gar nicht erst aufkommen. Er steht über den Dingen, weil er das Treiben durchschaut hat, Er fühlt sich als etwas Besonderes und er genießt es, sich abseits des „Mainstreams“ zu positionieren. Klopapier hat er in Massen gebunkert.
Lieblingssatz: „Wir werden alle verarscht.“

DER UNTERGANGSLIEBHABER:
Egal, was Regierungen, Verbände oder Ämter verfügen, es macht keinen Sinn, denn alles geht eh den Bach runter. Den ganzen Tag werden die negativsten Neuigkeiten aufgesaugt und mit zerstörerischer Vehemenz heruntergebetet. In Gesprächen geht es nur um die schlimme Lage und wer wie gerade Pleite macht, stirbt, von der Regierung im Stich gelassen wird oder gegen Gesetze verstößt. Dabei ist die aktuelle Situation erst der Anfang, Geld bekommt man eh keins, am Ende stehen neue Grenzen, Bürgerkriege und eine Armutswelle. Der Untergangsliebhaber gibt sich seinen Ängsten ganz und gar hin, er überhöht sie. Es hat gelernt, dass es bei großen Ängsten keine Rettung gibt und diese Sicht befreit ihn von Lösungsansätzen oder Handlungsmöglichkeiten. Alles ist so schlimm, dass man eh nichts machen kann. Menschen, die versuchen, positiv mit der Situation umzugehen, begegnet der Untergangsliebhaber verächtlich. Er meidet sie und sucht den Kontakt ausschließlich zu jenen, die ähnlich negativ auf das Geschehen blicken. Deshalb versteht sich der Untergangsliebhaber auch gut mit dem Verschwörungsideologen.
Lieblingssatz: „Das ist alles erst der Anfang.“

DER VERHARMLOSER:
Der Verharmloser schaut fast schon belustigt auf die Welt und versteht nicht, wie sich alle vor einem einfachen Grippe-Virus so in die Hose machen können. Tausende Tote? Gab es doch schon immer wegen der Influenza. Er sieht das Treiben als Massenhysterie an. Die Maßnahmen empfindet er als lächerlich und hat es bis zuletzt damit nicht so ernst genommen. Von Nachrichten hält er sich fern und bekommt deshalb auch nicht so viel mit. Er vertraut eigenen Quellen oder seinem „gesunden“ Menschenverstand, die wissenschaftliche Evidenzen für jedermann stören da nur. Die eigenen Ängste werden durchs Ignorieren in Schach gehalten. Das Monster steht im Wohnzimmer, also bleibt man in der Küche und sagt sich, dass es keine Monster gibt. Unterhaltungen mit Verharmlosern, die oftmals intellektuell sind, können äußerst mühsam sein, weil jegliche Art der Empathie fehlt. Das Verhalten ähnelt dem eines trotzigen Kindes und so wird auch mit Regeln oder Vorgaben umgegangen. Der Verharmloser ist gern etwas Besonderes und umarmt deshalb auch weiterhin Gleichgesinnte. Von der allgemeinen Panikmache lässt einer wie er sich ja nicht so einfach einfangen.
Lieblingssatz: „Das ist ja lächerlich.“

DER KONTROLLETTI:
Der Kontrolletti nimmt die Situation äußerst ernst. Am liebsten sitzt er den ganzen Tag vor TV und Computer und arbeitet sich durch die News-Welt. Der Kontrolletti weiß um die Maßnahmen der nicaraguanischen Regierung, kennt die aktuellen Fallzahlen aus Andalusien und kann jede Immunitätsstrategie herunterbeten. Ihm entgeht keine News-Meldung, keine Talk-Show, kein Hintergrundbericht. Je mehr er weiß desto besser sind seine Ängste in Schach gehalten. Gespräche mit Kontrollettis sind anstrengend, weil sie gerne ihr Wissen teilen. Die Fülle der Maßnahmen wird selbstverständlich begrüßt. Je mehr Maßnahmen zu befolgen sind desto glücklicher ist der Kontrolletti. Er befolgt penibel jede Vorgabe: Mundschutz, Sicherheitsabstand sowieso, Desinfektionsflasche und Handschuhe sind immer dabei. Auf der Straße weichen sie gerne anderen Passanten großzügig aus, direkten Kontakten geht man am liebsten aus dem Weg, denn man weiß ja nie.
Lieblingssatz: „Du musst wissen, dass…“

DER ÜBERFORDERTE:
Dem Überforderten geht es nicht gut. Er schläft schlecht und traut sich kaum morgens aus dem Bett. Die Nachrichten schaut er sich nur selten an, weil ihn das zu sehr durcheinanderrüttelt. Auch die sozialen Netzwerke meidet er. Der Überforderte glaubt, dass sich sein bisheriges schönes Leben ein für allemal ändern wird. Er wünscht sich die alte Zeit zurück. Viele seiner Ängste sind allerdings unbegründet. Das zu sehen fällt ihm aber schwer. Doch sobald er positive Impulse bekommt geht es ihm besser, deshalb ist der Überforderte auch ein dankbarer Gesprächspartner. Der Überforderte geht nicht gerne aus dem Haus, telefoniert aber viel, weil er viel Zuspruch braucht. Home-Office findet er toll und performt dort auch richtig gut.
Lieblingssatz: „Das ist ja alles so schlimm.“

DER POSITIVIST:
Von wegen Krise. Jede Zeit hat doch ihre Chancen, man muss es nur positiv sehen. Der Positivist geht vielen Leuten mit der „alles-wird-gut“-Rhetorik so richtig auf den Geist. Noch in der schlimmsten Nachricht sieht er etwas Gutes. Er hört nicht auf, auf die Chancen, Möglichkeiten und Verbesserungen, die es durch die Krise gibt, aufmerksam zu machen. Er nimmt die Situation ernst, findet die Maßnahmen auch richtig, doch schaut schon immer einen Schritt weiter und kommt dabei auch gerne mal ins Philosophieren. Seinen Ängsten geht er durch seine optimistische Grundhaltung aus dem Weg. Menschen sind mit dem Positivisten entweder sehr gerne zusammen, weil der Optimismus ansteckend ist oder aber sie meiden ihn, weil sie mit ihren Schwarzmalereien nicht landen können. Der Positivisten postet gerne Ein-Satz-Sprüche über den Sinn des Lebens und von den Nachrichten wird nur das Nötigste konsumiert. Denn das, was er nicht direkt ändern kann, interessiert ihn auch nicht.
Lieblingssatz: „Das ist doch eine Riesenchance.“

DER PRAGMATIKER:
Schon am ersten Tag einer Ausgangssperre hat der Pragmatiker im Netz eine Unterstützungsaktion für Pflegekräfte und Kassierer ins Leben gerufen. Der Pragmatiker telefoniert, postet und schreibt E-Mails von morgens bis abends. Er bekommt nur peripher mit, was es mit dem Virus auf sich hat. Er ist pragmatisch veranlagt und beschäftigt sich statt mit Fallzahlen lieber mit dem Machbaren. Ja nicht zur Ruhe kommen, denn sonst würde er die volle Wucht seiner Angst zu spüren bekommen, Also lieber im Viertel einen Service für Alte und Kranke organisieren oder ein Video posten, wie man sich papiersparend den Hintern abwischt. Der Pragmatiker erzählt gerne von sich und seinen Ideen. Tiefergehende Diskussionen sind nicht so sein Ding. Das überlässt er gerne anderen. Er beschäftigt sich lieber damit, was man alles auf die Beine stellen kann. Der schwierigste Moment ist kurz vor dem Einschlafen, wenn die Gedanken sich sammeln und er sich fragt, ob der Alptraum bald wieder vorbei sein wird.
Lieblingssatz: „Ich habe da eine Idee.“

DER ENTSPANNTE:
Gibt es gerade eine Krise? Gilt das Händewaschen auch etwa für Deutschland? Der Entspannte treibt seine Mitmenschen in den Wahnsinn und fühlt sich in seiner Sonderrolle sehr wohl. Er lebt in seinem eigenen Kosmos und ist hoffnungslos überfordert mit den Maßnahmen. Er bleibt deshalb am liebsten zu Hause. Entspannte sind sehr gern Freischaffende, Kreative, Künstler, die mit dem „Mainstream“-Ding da draußen nur wenig zu tun haben wollen. Menschen wie diese ziehen sich die Decke über die Ohren und hoffen insgeheim, dass alles bald vorbei geht. Ihre Ängste werden einfach weggesperrt. Während die ganze Welt vom Virus spricht erzählt der Entspannte gern von seinem letzten Youtube-Video, das er gepostet hat, einem tollen Film auf Netflix oder von der nächsten Party. Denn Verbote missachtet er regelmäßig („Gelten die auch für mich?“). Klopapier haben Entspannte schon lange keins mehr, aber Zeitungspapier oder Wasser machen es auch. Hauptsache man ist gechillt. Ignoranten verstehen sich blendend mit dem Verharmloser.
Lieblingssatz: „Echt jetzt?“

DER KRITISCHE:
Der Kritische steht schon zum Frühstück kurz vor einem Wutanfall. Die Politiker kriegen nichts hin, das Gesundheitswesen ist viel zu schwach. Nichts funktioniert und egal welche Maßnahme getroffen wird, sie ist in seinen Augen zum Scheitern verurteilt. Wer dem Kritischen zuhört könnte denken, dass er Experte für Viren, Katastrophenschutz und Pandemien ist. Wo er geht und steht wird gelästert, kritisiert und runtergemacht. Ihm kann man es nicht recht machen. Seine Wut überdeckt die Angst. Er hat gelernt, dass man im Angesicht der Angst nicht mehr handeln kann und das lässt ihn panisch alles in Schutt und Asche reden. Zehn Minuten mit dem Kritischen und man hält das Ende der Welt für gekommen. Kritische sind deshalb auch schnell einsam, es sei denn, sie treffen auf einen Untergangsliebhaber. Im Netz tauchen sie allerdings vermehrt auf und klinken sich überall ein, um zu sagen, wer was wo alles falsch gemacht hat.
Lieblingssatz: „Das bringt alles nichts!“