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Tuesday Post 28 April 2020

von | Apr 28, 2020

Dieser Tage laufe ich immer wieder an saftig grünen Rasenplätzen vorbei, die zu diesem Zeitpunkt des Jahres gar nicht so satt und glänzend daliegen dürften. Von Kickern seit Wochen unberührt sprießen die Rasensprengel der Plätze in Deutschland wie selten zuvor und machen aus den Fußballwiesen dieses Landes Vorzeige-Objekte für jeden Gartenfreak. Ach ja, denke ich dann, Fußball fällt derzeit ja auch hier aus, in den Stadtteilen. Nicht nur in den großen Stadien des Landes. Die Vereine heißen SG, Rot-Weiß, Viktoria oder FC.

Ich stelle mir vor, wie das damals für mich als Jugendlicher gewesen wäre, wenn ich auf einmal von heute auf morgen nicht mehr hätte kicken dürfen. Erster in der Tabelle, kurz vor der Jugendmeisterschaft und dann sagen die Menschen zu dir, nö, kicken ist jetzt nicht mehr. Keine Kabine mehr, keine Jungs mehr, keine Auswärtsfahrten. Titel futsch, die Kondition auch und der Wechsel zum besseren Konkurrenten könnte auch geplatzt sein. Stattdessen viele lange Läufe an Flüssen, in Wäldern, auf Feldern. Immer wieder und wieder. Ich habe noch nie so viele Jugendliche joggen sehen. Doch wofür? Gekickt wird in dieser Saison nicht mehr, das kann man jetzt schon sagen.

Ausgerechnet jetzt? Ja, ausgerechnet jetzt. So ist es eben. Vielleicht geht es im September wieder weiter. Bestimmt sogar. Es wäre zu wünschen. Die Menschen kommen nicht mehr zusammen und das gilt eben auch für die Fußball- und Tennisplätze, Sport- und Reithallen. Sportliche Wettkämpfe gibt es keine mehr, bis auf die kleinen privaten Wettrennen auf den Radwegen dieses Landes oder an den Konsolen. Der Sport tritt zurück, um für uns alle das Zusammenleben ein Stück sicherer zu machen. Auch das ist ein kleines Drama dieser Zeit, aber ein verschmerzbares, wenn man aktuell die Konsequenzen für viele andere Menschen betrachtet. Was ist da der Fußball? Am Ende nur ein Spiel. Oder etwa nicht?

Gute Frage. Denn im professionellen Fußball-Geschäft geht es schon lange nicht mehr einfach ums Spielen. Es geht um Geld, viel Geld. Fußball ist big Business, verkleidet in Trikots, Tradition und Fußballkultur. Die Leute sagen, der Fußball ist der Kitt der Gesellschaft, bietet die Spiele für das Volk, das sich ablenken muss. Der Fußball hat eine sinn- und identitätsstiftende Rolle für die Gesellschaft, heißt es in vielen Leitartikeln. Ein Signal ginge durch das Land, wenn ja, wenn ja nur 22 Männer in kurzen Hosen in einem leeren Stadion sich die Stirn bieten würden.

Ist das so? Werden wir uns besser fühlen, wenn wir bald an einem Samstag Augsburg gegen Wolfsburg vor einer Geisterkulisse sehen? Vielleicht ist das so. Wir sollten dennoch wissen, dass kein Mensch über die Wiederaufnahme des Fußballs diskutieren würde, wenn es am Ende nicht um Geld gehen würde. Genauer um 300 Millionen Euro, die das Fernsehen den Klubs als letzte Tranche des TV-Geldes zu zahlen hat. 300 Millionen Euro, ohne die beinahe ein Dutzend Vereine der Ersten und Zweiten Liga am Ende wären, wie immer wieder sehr gerne betont wird.

Nun könnte man trefflich darüber streiten, wie ein Verband es soweit kommen lassen kann, dass Klubs nach nur wenigen Tagen in der Krise davon berichten, bald in die Insolvenz gehen zu müssen. Man könnte trefflich darüber streiten, wieso ein Klub wie Schalke in den letzten 5 Jahren 1,4 Milliarden Euro eingenommen hat und nun trotzdem blank dasteht. Man könnte trefflich darüber streiten, wieso die Klubs alles unternehmen dürfen, damit ihre Akteure ihren Beruf nachgehen können, anderen Branchen solche Maßnahmen dagegen verwehrt werden. Man könnte trefflich darüber streiten, wie systemrelevant eine Branche ist, die 0,11 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt umsetzt?

Es wird wild diskutiert, soll, ja darf der Fußball einfach so wieder loslegen, damit wir endlich alle wieder am Samstag um 15.30 Uhr, diesmal nur vor den Fernsehern, Sinn und Identität stiften, indem wir „Tor“ rufen? Etliche organisierte Fangruppen sind dagegen, in Umfragen sind die meisten Fußballfans dafür. Eine Diskussion, die das Land spaltet.

In einer Zeit, in der der spanische Gesundheitsminister sagt, es sei „rücksichtslos“ vor dem Sommer mit dem Fußball zu beginnen und viele Deutsche sich fragen, ob es eine Priorität ist, einen Fußballmeister in leeren Stadien zu küren, sagen Experten in Deutschland, dass kein Gastronomiebetrieb früher eröffnen würde, keine Pflegerin schneller getestet würde, wenn der Fußball nicht rollt. Wem nützt es also, dass nicht Fußball gespielt wird, ist tatsächlich eine gute Frage. Eine genauso gute ist allerdings auch: Wem nützt es, dass Fußball gespielt wird? Beide Fragen verdienen eine ehrliche Antwort. Aber geht es überhaupt noch darum?

Die Mehrheit liebt den Fußball, aber liebt sie auch dieses Fußballsystem? Wir alle stehen gerade vor der Frage: Wollen wir diesen Fußball retten? Und die verantwortlichen Fußball-Macher wundern sich, wie viele Menschen gerade darüber nachdenken. Irgendetwas ist also schon vorher aus dem Ruder gelaufen.

Geht es nicht um mehr als hygienetechnische Anforderungen und Testkapazitäten? Dabei können sich die Pläne der dauerempfehlenden DFL sehen lassen. Es könnte tatsächlich so funktionieren. Aber wir Menschen halten ja im Normalfall alles für plan,- mach und regulierbar. Dabei zeigt uns das Leben jeden Tag aufs Neue, dass das Leben anders funktioniert. Diese Krise war ja das beste Beispiel dafür. Wenn der Mensch über seine Pläne redet, lacht sich das Schicksal kaputt, heißt es so schön. Deshalb kann die DFL, können die Vereine, können die Ministerien und Länder noch so viele Planspiele erstellen. Am Ende birgt das Leben die Gefahr, dass Dinge eintreten, die wir mit unserem Verstand und Denken nicht vorhersagen können.

Wie ich das meine? In Frankreich ist zum Beispiel der 23-jährige Profi aus Montpellier, Junior Samba, aufgrund einer Covid19-Erkrankung vor wenigen Tagen ins künstliche Koma versetzt worden. Was passiert in Deutschland, wenn das einem Spieler nach einem Geisterspiel widerfährt, zumal der Virus-Test bei dem Franzosen zunächst negativ ausfiel, der Sars-CoV-2-Virus erst drei Tage später entdeckt wurde? Was passiert, wenn für ein wichtiges Spiel der Bayern plötzlich Lewandowski, Neuer und Alaba wegen einer Infektion nicht im Stadion auftauchen? Was passiert, wenn der Klub danach seine Mannschaft in Quarantäne schicken muss? Was passiert, wenn in Deutschland Ende Mai eine schwere neue zweite Viruswelle grassiert und der Fußball eifrig weiterrollen will? Was passiert, wenn sich bei der Entscheidung um den Titel, die Fans in einer Stadt zusammenfinden wollen, um anzufeuern oder zu feiern?

All das, was sich die DFL und die Politik überlegen könnte aufgehen, es könnte aber auch nicht. Es ist eine heikle Mission. DFL und die Vereine sitzen aus lauter Verzweiflung in einem lädierten Boot, das sich durch die raue, wilde See wagt und wissen nicht, welche Gefahren mit der nächsten Welle kommen. Augen zu und durch? Es bleibt zu hoffen, dass das Boot nicht zum Kentern kommt, denn dann hätte der Fußball einige Sorgen mehr, sagt ein nachdenklicher Mounir.