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Tuesday Post 27 August 2019

von | Aug 27, 2019

Letzte Woche hatte ich einen Termin etwas außerhalb von Frankfurt. Als ich dort ankam musste ich unverrichteter Dinge wieder umkehren. Der Termin fiel aus. Man sagte mir, dass es dem Menschen, mit dem ich verabredet war, ganz kurzfristig schlecht geworden war. Auf meinem Handy war tatsächlich eine Nachricht, nur dass ich sie beim Autofahren nicht hatte lesen können.

Ganz ehrlich: Ich war nicht sauer, verärgert oder so. Ich dachte, das passiert eben mal. Und da ich den Mann gut kannte, hoffte ich einfach, dass sein Gesundheitszustand bald wieder besser werden würde. Ich stieg in mein Auto und fuhr zurück. Es gab genug Arbeit auf meinem Schreibtisch. Ich dachte, vielleicht war das ja das Gute daran: Dass ich mich um all die anderen liegengebliebenen Sachen an diesem Nachmittag kümmern konnte.

Ich war mit einem ordentlichen Reifen unterwegs, denn es galt nun wirklich keine Zeit mehr zu verlieren. Ich kam an wunderschönen Getreide-, Apfelbaum- und Maisfelder vorbei. Hinter mir lag die in der Sonne glänzenden Wetterau, vor mir Frankfurt mit seinen schon aus der Ferne so beeindruckenden Wolkenkratzern. Als ich auf der nicht sehr frequentierten Kreisstraße auf eine Anhöhe kam, hatte ich plötzlich einen Impuls. Er kam ganz unvermutet und dennoch reagierte ich. Zum Glück. Ich fuhr auf einen Feldweg, stellte den Wagen ab und entschloss mich, die Sonne, den Blick und die Einsamkeit zu genießen. Einfach so. Ohne Handy, Uhr oder Laptop.

Ich kann euch gar nicht genau erläutern, wie es sich anfühlte, den Weg zwischen den Feldern entlangzugehen. Diese Ruhe um mich, der kilometerweite Blick ohne irgendeinen anderen Menschen, der ihn störte, der warme Wind. Ich genoss es, gleichzeitig war da aber auch diese Stimme in mir, die sagte: „Kommst du dir gerade nicht ein wenig lächerlich vor, hier wie ein sinnierender Schriftsteller entlangzuspazieren, während auf dich echt eine Menge Arbeit wartet? Auf zurück, du hast zu tun!“ Aber das war der Kopf. Vom Bauch, vom Herzen, kamen ganz andere Signale. Wenn ich mich darauf konzentrierte, konnte ich diesen Augenblick einfach nur genießen.

Ich setzte mich irgendwann auf eine Grasnarbe am Wegesrand hin und begann nachzudenken: Was war eigentlich die letzten Wochen so los? Bist du damit zufrieden gewesen? Wie geht es dir heute? Gibt es Dinge, die du hättest anders machen wollen? Und wenn ja, wie? Ziemlich wichtiger Kram, wie ich merkte. Ich wurde mir bewusst, dass man viel zu oft Zeitpläne einhält, Routinen lebt, in seiner Think-Box verhaftet bleibt. Dass auch ich zuletzt Tage hatte, an denen ich am Abend ins Bett fiel, ohne dass ich einmal nach mir selbst geschaut hatte. Dabei haben wir alle im Alltag Gelegenheiten für solche kleinen „Mindshower“. Ein Spaziergang um den Block, eine kleine Pause auf der Parkbank, ein Gang zum etwas entfernteren Mittagsbäcker – das genügt, wenn man das Handy zurückgelassen hat, um sich kurz mal zu erden, zu orientieren oder zu sich zu kommen.

Als ich an jenem Tag am Wegesrand saß kam plötzlich eine Frau auf mich zugelaufen. Sie ging spazieren. Ich merkte an ihrem Blick, dass sie leicht irritiert war. So ein Mann, der am frühen Nachmittag mitten in der Landschaft sitzend einfach so vor sich hinstarrte – das kann ja schon mal merkwürdig wirken. Und ich erinnerte mich, dass es in der Tat Momente gab, wenn ich selbst Menschen an bestimmten Stellen „herumsitzen“ sah, die mich irritierten. Weil wir es nicht mehr gewohnt sind, dass es in dieser schnelllebigen, digitalisierten, globalisierten, hektischen und durchgetakteten Welt noch öffentliche Augenblicke des Innehaltens gibt. Ich grüßte die Frau, die versuchte, so schnell wie möglich an mir vorbeizukommen. Ich verstand es.

30 Minuten dauerte meine „Kopfdusche“. Es war nicht so, dass ich zu den wichtigsten Schlüssen in meinem Leben kam, aber die Zeit hatte mir gutgetan. Ich fühlte mich ein wenig gereinigt, ruhiger, fokussierter. Ich sollte an jenem Tag noch bis zum Abend in einem guten Arbeitsflow sein. Natürlich hatte es während des Spaziergangs keinen einzigen wichtigen Anruf, E-Mail oder Nachricht gegeben, als ich zum Auto zurückkam. Auch das ist ja immer so eine Phantasie: Dass man ständig und immer erreichbar sein müsste. Doch die Welt dreht sich immer weiter, auch dann, wenn man für einen kurzen Moment aussteigt. Lasst uns deshalb hin und wieder nach uns selbst schauen, um danach umso besser „da“ zu sein, sagt ein nachdenklicher Mounir.