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Tuesday Post 16 Juni 2020

von | Jun 16, 2020

Am Sonntag empfing in der Zweiten Liga der Karlsruher SC den VfB Stuttgart. In einem packenden Spiel behielten die Badener in dem Derby die Oberhand. Hinterher wurde ausschließlich über Spiel, Tore und Ergebnis gesprochen. Keine Ausschreitungen, kein exorbitantes Polizeiaufgebot, nein, einfach nur ein Fußballspiel. In normalen Zeiten wären bis zu 1000 Polizisten vor Ort gewesen. Sie hätten die beiden Fanlager vor Zusammenstößen bewahren müssen. An diesem Wochenende blieb es dagegen in Karlsruhe ruhig. Die Polizisten konnten zu Hause bleiben oder zu anderen Einsätze geschickt werden.

Polizisten wurden am Wochenende auch nicht in Nürnberg gebraucht. Dort wären die Fans nach der Derby-Niederlage gegen Fürth und dem Sturz auf Rang 16 in normalen Zeiten auf die Barrikaden gegangen. Doch statt Attacken, blockierter Autos und aggressiver Beleidigungen mussten die Club-Spieler nur die Fragen einiger Journalisten ertragen, bevor es in aller Ruhe nach Hause ging.

Zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten gibt es an Bundesligawochenenden keine Zwischenfälle in Innenstädten, Bahnhöfen oder Unterführungen. Es gibt keine verletzten Polizisten, keine Attacken auf Fans anderer Couleur, auch keine Diskriminierungen.

Bis zum Ausbruch der Corona-Krise waren wir ja ein Land, das sich es sich leisten konnte, jedes Wochenende mehrere tausend Polizisten für gewaltbereite Fußballfans abzustellen. Das kostet zwar viel Geld und Arbeitsstunden, aber so funktionierte der Liga-Alltag. Normaler Wahnsinn, den nur noch wenige infrage stellten.

Während wir unseren Kindern beibringen, wie Fairness im Fußball und im Sport funktioniert, wie wichtig es ist, mit Niederlagen umzugehen, wie wertvoll das Miteinander ist, schauen wir wöchentlich zu, wie Grundwerte im Umgang miteinander mit Füßen getreten wurden. Doch anscheinend wollen und können wir uns das leisten. Der Fußballsport kann auf allerhöchstem Niveau zum größten Teil nur noch mit Polizeischutz stattfinden. Das ist der bedenkenswerte, nüchterne Ist-Zustand.

Es leuchtet mir als ehemaliger Fußballer ein, dass dieses Spiel von Rivalität, von Identifikation lebt, dass das „Wir-gegen-die-Gefühl“ die Atmosphäre samstags trägt – im Stadion, wie in der Kabine. Aber sollten wir uns angesichts der Friedlichkeit, die derzeit in Deutschland rund um die Stadien herrscht, nicht als Gesellschaft fragen, ob Fußballbegeisterung nicht auch anders geht. Ist das naiv? Ist das zu viel verlangt? Wie viel Diskriminierung wollen wir im Fußball noch tolerieren?

Das Stadion ist ja immer noch ein Raum, in dem Beleidigungen meist sanktionsfrei geäußert werden dürfen. Es geht gegen die Mütter der gegnerischen Spieler, es geht gegen die Schiedsrichter, man fordert das Blut des Gegners, manchmal wird auch die eigene Mannschaft zum Objekt von Hasstiraden. Schimpfwörter, obszöne Gesten, Wurfgeschosse gehören zum Alltag. Auch rassistische Vorfälle gibt es bis in die untersten Ligen immer häufiger.  Dabei ist in den letzten Jahren dank vieler guter Initiativen schon eine Menge passiert.

Gerade zuletzt ging die ganze Fußball-Welt auf die Knie, um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen, Trikots wurden mit „Black lives matter“ oder „no racism“ bedruckt, weil es zu sehr schmerzte, dass ein schwarzer Mann in den USA wegen seiner Hautfarbe sterben musste.

Skurril, dass wir uns gleichzeitig daran gewöhnt haben, dass Menschen Menschen in unserem Land an jedem Wochenende niederschlagen, weil sie andere Schals und Fahnen tragen. Dass wir uns daran gewöhnt haben, dass Menschen sich verletzen, weil sie aus einer anderen Stadt stammen. Dass wir uns daran gewöhnt haben, dass Polizisten per se verunglimpft und zum „Freiwild“ erklärt werden, weil man sich so schön an ihnen abreagieren kann. Dass wir uns daran gewöhnt haben, dass ein Mensch wie Dietmar Hopp in einem Fadenkreuz dargestellt wird. Ist das alles keine Diskriminierung? Wo bleibt da der Impuls zu protestieren? Sind nicht alle Menschen gleich? Und gilt das nicht auch für den Fan des „blöden“ Nachbarvereins?

Müssen wir uns nicht fragen, welches Verhalten im Stadion und außerhalb grundsätzlich noch akzeptabel ist, welche Rufe Ausgrenzung und Feindseligkeit befeuern? Ist alles damit zu entschuldigen, dass es ja um den „Sieg“ geht? Werden Schiedsrichter in unteren Ligen niedergeschlagen, weil Profis sich auf dem Feld über den Schiedsrichter aufregen oder weil ein ganzes Stadion ruft: „Schiri, du Arschloch“?

In dem Moment, in dem ich eine bestimmte Gruppe herabsetze, sie im Gesamten herabwerte und beleidige bin ich schon mitten in der Diskriminierung. Das muss uns bewusst sein. Wenn ich der Meinung bin, dass du ein schlechterer Mensch bist, nur weil du aus einer anderen Stadt kommst, ist, dann überschreite ich eine Grenze. 

Sportliche Auseinandersetzung, Rivalitäten sind etwas Besonderes und Aufregendes. Gesänge, Anfeuerungsrufe, Choreographien, ein großes Wir-Gefühl gehören dazu, beleben und sorgen für einzigartige Momente. Aber wir sollten die gewaltbereite, homophobe, frauendiskriminierende Haltung mancher Zuschauergruppen im Stadion nicht deswegen tolerieren, weil es schon immer so war.

Lasst uns dafür sorgen, dass das Wort „Hochrisikospiel“ aus unserem Sprachgebrauch verschwindet. Das können und sollten wir uns nicht mehr leisten.

Ich träume davon, dass Fans ohne Polizeischutz zum Stadion kommen. Dass unsere Polizisten für Wichtigeres abgestellt werden als am Wochenende den Aufpasser für tausende von unvernünftigen Fans zu spielen. Zuletzt wurde immerhin über die Kosten diskutiert. Wir sollten aber anfangen darüber zu diskutieren, wie diese Kosten gar nicht mehr entstehen könnten. Lasst uns über Werte sprechen. Morgen spielt Köln in Leverkusen. Ohne Polizeiaufgebot. Ohne Ausschreitungen. Das sollten wir irgendwann auch ohne Corona-Auflagen hinbekommen, wünscht sich ein nachdenklicher Mounir.