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Tuesday Post 16 Juli 2019

von | Jul 16, 2019

Eigentlich müsste ich jeden Tag einen großen Kuchen backen, Girlanden aufhängen und mit einer Tröte lärmend durchs Viertel laufen. Sicher, die Nachbarn und Passanten würden mich fragen, was das ganze Theater soll. Meine Antwort wäre dann: „Wisst Ihr, ich lebe in der besten aller Zeiten. Ist das kein Grund zum Feiern?“ 48 Jahre bin ich nun schon alt. In all dieser Zeit habe ich keinen Krieg, keine Revolte, keinen Aufstand erlebt. Etwas, was es nie zuvor in diesem Land über eine solch lange Phase gegeben hat. Europa ist sogar vereint und was kein einziger Mensch vor einem Jahrhundert für möglich gehalten hätte:
Todfeind Frankreich gilt mittlerweile als unser Brudervolk.

Der Frieden hat uns ein erträgliches Leben eingebracht. Seit Jahren schon wächst die Wirtschaft, steigt der Wohlstand und die Löhne und Gehälter. Wir haben ein funktionierendes Gesundheitssystem, Menschen, die nicht mehr arbeiten können erhalten eine Rente und wenn man arbeitslos wird bekommt man eine Menge Geld, damit dieses Unglück abgefedert wird. Wir beschäftigen uns schon lange nicht mehr mit Theorien zur Gesellschaftsumwälzung oder einer Umkehrung der Verhältnisse. Diese Not hat sich verloren. Es sind Dinge wie Selbstverwirklichung, Eventlogistik, Urlaube und Reisen oder die Anhäufung von materiellem Wohlstand, die uns beschäftigen.

Wir diskutieren darüber, wo man den billigsten Billigflug buchen kann, wie leistungsstark ein Audi Quattro ist, wie der Chef in der Kantine über die Abteilung gelästert hat oder dass der Nachbar wieder mal den Müll einen ganzen Tag im Treppenhaus hat stehen lassen. In der Welt passieren durchaus andere Dinge. Davon haben einige eine Ahnung, andere nicht. Fernes Leid ist fern. Nicht fühlbar. Hat deshalb keine Priorität. Wir schützen uns mit dieser Haltung.

Einer Mutter gegenüberzustehen, die ihr Kind verliert, weil es nicht genug gegessen hat, nicht genug getrunken hat würde uns für Jahre schockieren. Und doch passiert das. Jeden Tag. Jede Stunde. Jede Minute. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind, das jünger als zehn Jahre ist. Und das, obwohl die Weltlandwirtschaft problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren könnte, also beinahe das Doppelte der Weltbevölkerung. Es gibt Soziologen und Wissenschaftler, die sagen, Kinder, die heute verhungern, werden ermordet. Doch von wem? Wer ist der Mörder und wer schaut tatenlos zu? Und vor allem, wie könnte man das ändern?

Wichtige Fragen, die eigentlich täglich im Fokus unserer Politik, des Diskurses in diesem Land, unserer Gedanken sein müsste. Doch das kostet Kraft und ist anstrengend. Und vielleicht soll ja auch alles so bleiben wie es ist. Denn uns geht es ja gut. Aber wie lange noch? Wie lange werden die Menschen in der Welt die Ungerechtigkeiten dieses Systems ertragen wollen? Schon jetzt wird deutlich, dass die ungerechte Verteilung des Reichtums in der Welt böse Folgen hat. Doch wir tun so als sei alles genau in der richtigen Ordnung. Denn wir stehen ja auf der richtigen Seite.

Also mähen wir weiter unseren Rasen, lassen von Kehrmaschinen unsere Straßen nass saubermachen, sitzen vor unseren Lieblingsserien und sind immer mal wieder kurzzeitig erschrocken, was in der Welt so alles schlimmes passiert. Und wenn dann die Verunsicherten, die Verführten und teilweise auch die Dummen in diesem Land mal wieder über jene schimpfen, die den Weg zu uns suchen, weil sie nichts mehr zu essen haben oder verfolgt werden, dann macht mich das betroffen. Und ich würde ihnen dann gern sagen, lasst uns doch überlegen, wie wir die Welt besser machen können statt Hass zu säen. Denn wer geben kann soll geben, sagt ein nachdenklicher Mounir.