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TUE GUTES! NUR WIE?

von | Okt 13, 2020

Wenn wir jeden Tag fühlen würden, was alles in dieser Welt falsch läuft, was es an Grausamkeiten, Ungerechtigkeiten gibt, wie viele unschuldige Menschen sterben, wie viel Leid und Tragik es gibt – wir würden durchdrehen. Wir könnten es nicht eine Minute aushalten. Die Ohnmacht würde uns niederstrecken. Wir wären wie gelähmt.

Wir müssen uns ein Stück weit davor schützen, indem wir das ausblenden. Dazu gehört, dass wir erleben und denken, dass wir die Dinge richtig und gut machen, dass die Welt schön und toll ist. Aber objektiv gesehen ist „gut sein“ eine unlösbare Aufgabe und trotzdem: Jeder Mensch braucht seine subjektiven Parameter für Gut und Böse, die ihn durch die Welt leiten.

Wohl wissend, dass wir nicht durchs Leben gehen und gar nicht ständig gut sein können. Das ist schier unmöglich, denn die Dinge hat man nicht unter Kontrolle. Wir sind alle grausam, jeden Tag aufs Neue. Entweder wir essen Tiere, kaufen 5-Euro-Shirts, das ärmste Menschen in Asien für uns produziert haben, wir verbrauchen Wasser, das andere nicht haben oder besitzen Handys, für deren Metalle Menschen für Hungerlöhne in Stollen auf der ganzen Welt arbeiten, etc.

Gut sein? Wie soll das gehen? Denn was ist eigentlich gut? Was ist böse? Wir leben von Ressourcen, die späteren Generationen nicht mehr zur Verfügung stehen werden. Während wir die neueste Jeans kaufen sterben tausende von Kinder wegen Unterernährung. Weil ich den letzten freien Parkplatz im Wohngebiet ergattert habe muss die Oma hinter mir noch 20 weitere Minuten ihre Runden drehen. Unternehmen retten Arbeitsplätze, indem sie parallel andere vernichten. Kriege ich einen Auftrag, kriegt ihn ein anderer nicht.

Für den einen ist es „gut“ in einem Entwicklungsland im 5-Sterne-Hotel zu übernachten, weil dadurch die Einheimischen Arbeit bekommen. Andere wollen nicht fliegen, weil es zu umweltzerstörend ist. Manche machen sich Gedanken, wo Krabben gepult werden, andere kaufen fairen Kaffee und hoffen so, die Welt zu retten. Es ist ein Dickicht, in dem sich keiner mehr zurecht findet. Wer soll verurteilt werden, wer nicht? Ist derjenige, der Billigsärge in Tschechien kauft schon ein Ausbeuter und ist es pervers, für ein Hemd 120 Euro zu bezahlen, wenn dies in Kambodscha, wo das Hemd hergestellt wurde, den Monatslohneines Nähers bedeutet? Viele verzweifeln ob dieses Spagats und sagen sich, eh alles egal. Was also tun?

Ich habe vor einigen Wochen eine Nachricht bekommen, indem mir jemand sein Unverständnis darüber mitteilte, dass ich in den Tagen, wo in Moria so unfassbares Leid geschehen ist gleichzeitig einen Podcast mit Fußballtrainern ankündige. Diese Nachricht hat mich beschäftigt. Darf ich über so etwas Banales schreiben, wenn uns in Griechenland gleichzeitig solch eine Tragödie präsentiert wird? Eine berechtigte und gute Frage.

Die Antwort ist nicht befriedigend, doch ich sage mir immer wieder: So lange ich nicht Bundeskanzler oder EU-Ratspräsident bin muss ich mich auf mein eigenes Leben konzentrieren, schauen, dass es mir soweit gut geht, dass ich für meine Nächsten da bin, dass ich kein wirtschaftliches Leid erlebe, damit ich dann aus einer gewissen Stabilität heraus eben überhaupt für andere in meinem direkten Umfeld da sein kann. Ich habe tatsächlich erst einmal die Aufgabe, für MICH zu sorgen. Das ist die Verantwortung, die ich für mich, meinen Körper und mein Leben habe. Dann erst bin ich in der Lage für andere zu sorgen.

Das impliziert, dass ich die Welt mit ihrer Dualität so akzeptiere wie sie ist. Sie ist schön und hässlich, reich und arm, sie ist voller Glück und voller Leid, liebenswert und grausam, hell und dunkel. Der eine macht Podcasts, der andere hat nichts zu Fressen. Das zu akzeptieren kann mutlos und verbittert machen. Aber davon hat niemand etwas. Besser ist es, in einer guten Kraft zu sein, um dann im nächsten Schritt Dinge zu tun, die im vielleicht im „Kleinen“ die Welt retten. Den Flüchtling vor der eigenen Haustür unter seine Fittichen nehmen und unterstützen. Die Oma im dritten Stock fragen, ob man die Einkäufe machen kann, eine Patenschaft für ein Kind in Tansania übernehmen, damit es die Chance bekommt, zur Schule zu gehen. Oder einfach Zeit in die Beziehung zu seinen Eltern und zu seiner Familie zu stecken, denn auch das ist etwas Gutes. Wir werden die große, weite Welt nicht von heute auf morgen ändern können, was wir ändern können ist unser Verhalten Tag für Tag in unserem Umfeld. Und vielleicht liegt dort die größte Kraft und Quelle guten Tuns, sagt ein nachdenklicher Mounir.