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PLATZ DA! FÜR DEN WIDERSPRUCH

von | Sep 7, 2021

Vor einigen Tagen war ich mal wieder mit dem Fahrrad an der Nidda in Frankfurt unterwegs. Ich überquerte eine Brücke und entdeckte am Ende ein kleines Mädchen auf ihrem Rad, das sich weigerte, über die Brücke zu fahren. Ich fuhr langsamer und hörte, wie die Mutter dem Kind erklärte, „aber Papa wartet auf der anderen Seite, wir müssen über diese Brücke – jetzt“. Dem Kind war’s egal. „Nö, will nicht über die blöde Brücke“, sagte sie. Begründung? Gab es erstmal keine.

Ich dachte in diesem Moment weniger an das Dilemma der Mutter, die so schnell wie möglich zum Vater wollte, aber nun da stand und mit dem Eigensinn ihrer Tochter konfrontiert war.

Ich betrachtete den kindlichen Trotz mit Erstaunen und dachte, der könnte unserer Welt hin und wieder auch mal guttun.

Einfach Dinge tun, ohne sie ewig erklären zu müssen, die keinerlei rationale Herleitungen haben, sondern die man einfach tut, weil einem danach ist. Punkt. Könnte manchmal befreiend sein, oder nicht?

Trotz, Widerspruch, Eigensinn gehört aber zu einer Kultur, die in unseren Breitengraden nicht so gerne gesehen wird.

Wenn man aber schaut, was man heute so an Fähigkeiten benötigt, um in dieser agilen und transformationellen Berufswelt erfolgreich zu sein, dann liegen die Dinge klar auf der Hand. Es wird erwartet, dass du dich durchsetzen kannst, dass du Dinge infrage stellst, dass du eigenverantwortlich handelst, dass du Routinen hinterfragst, dass du deinen ganz eigenen Weg gehst, dass du entscheidungsfreudig bist.

Komischerweise wird in der Erziehung genau das Gegenteil versucht. Um Kinder später als unabhängige, kritische, mutige Entscheider zu sehen, wird ihnen in all den Jahren bis dahin oftmals genau das Gegenteil mitgegeben. Der eigene Willen wird kaum respektiert, Kinder werden gern auf Gehorsam, Folgsamkeit und Anpassung getrimmt, damit sie dann später genau anders sein sollen? Wie geht das zusammen?

Hinterfragen Kinder und Jugendliche Dinge, bei denen sie kein Sinn sehen, setzen oftmals Bestrafungsrituale ein. Und nicht anders sieht es doch in der Schule aus. Freie Geister, kritische Münder, autonome Persönlichkeiten sollten dort herausgebildet werden, doch wenn die Kinder damit anfangen, werden sie erst einmal so lange in die Mangel genommen, bis sie sich an den allgemeinen Kanon der Disziplin angepasst haben. Besonders aufmüpfige Schüler und Schülerinnen werden gar gebrochen, nur um später, wenn sie trotz der Widerstände ihren Weg gegangen sind, gerühmt zu werden.

In der Kirche, den Moscheen das gleiche Bild. Ja nichts hinterfragen, nur so machen, wie es alle den vergangenen Jahren getan haben.

Und in den Sportvereinen? Der deutsche Fußball bemängelt seit Jahren das Fehlen von Persönlichkeiten. Die Nachwuchsleistungszentren der Republik bilden gute Fußballer heraus, aber kaum noch welche, die Widerspruch äußern, die aufmüpfig sind, die Verantwortung übernehmen, neben dem Platz und auf dem Platz, Spieler, die aus der Norm herausfallen wollen.

Es wird Zeit, dass wir wieder eine Gesellschaft werden, die den Widerspruch der nachrückenden Generation erträgt, aber nicht nur das, die das fördert und unterstützt, denn es braucht die Asche des Gestrigen, um die Blüten von morgen zu züchten.

Das ist ein enormer Lernprozess, den Widerspruch nicht als bedrohlich zu empfinden, sondern als Chance, auf altbekannte Dinge neu zu schauen. Die Welt braucht diese Veränderungen, deshalb müssen wir Älteren dafür sorgen, dass sie Platz bekommen.

Es geht nicht darum, die Kinder, Schüler, Jugendlichen zu verhätscheln, sie alles treiben zu lassen, nein, es geht darum, zuzuhören, warum sie eventuell Dinge anders machen wollen, was dahintersteckt, um dann vielleicht gemeinsam zu beschließen, neue Wege zu gehen.

Die Mutter beschloss im Übrigen mit ihrer Tochter, die nächste Brücke zu überqueren.

Wir brauchen manchmal vielleicht mehr Trotz, mehr Verweigerung, um Platz für Neues zu schaffen, sagt ein nachdenklicher Mounir