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OHNMACHT IN KABUL

von | Aug 17, 2021

Wie verzweifelt muss man sein, wenn man sich an einem abhebenden Flugzeug festklammert?

Wie groß ist die Angst, vor dem was, kommt, wenn man sich dahinrasenden Flugzeugen entgegenstellt, um sie zum Stoppen zu zwingen?

Wie aussichtlos muss sich die Lage anfühlen, wenn man glaubt, dass man auf den Flügeln eines Flugzeuges in die Freiheit gelangen kann?

Menschen fallen in Kabul vom Himmel. Wie will man so etwas erklären?

Jahrelang hast du als afghanischer Handwerker, Fahrer, Übersetzer oder Mitarbeiter ausländischer Organisationen und Militärs an einen neuen Staat, an einen Sieg über die radikalen Talibans geglaubt.

Ohne dich hätte kein einziger Ausländer in deinem Land überleben können. Und nun?
Bleibst du zurück.
Musst sehen, wie du überlebst.
Bist Freiwild für all jene, die dem Land eine Ordnung wie vor 1400 Jahren geben wollen.

Und dann stehst du auf dem Flughafen und siehst all die Flugzeuge, die für dich Rettung, Überleben bedeuten. Diese Hoffnung, diese greifbare Möglichkeit vor deinen Augen, macht die Szenerie so schlimm.

Manche ergattern das Glücksticket fürs Leben, andere nicht. Wer wählt aus, wer mitdarf und wer nicht? Das Erleben und Mitansehen, wie andere vor deiner Nase ihr Leben retten, du aber auf dem Flugfeld zurückbleibst macht die Situation so unmenschlich, so unaushaltbar, so grausam.

Du hast Arbeitsverträge dabei, die beweisen, dass du für Deutschland oder die USA gearbeitet hast. Papiere, die dir Freiheit schenken können oder den Tod – je nachdem, wer danach fragt.

Du stehst unter tausenden von Menschen und jeder Einzelne von ihnen ist dein Rivale. Du weißt nicht, wem du vertrauen sollst. Wer ist Freund, wer Feind?

Ohnmacht in Kabul. Auf allen Seiten. Denn wie schlimm muss es sich auch für die Europäer und Amerikaner anfühlen, die die Menschen vor Ort zum Bleiben verurteilen und damit in den sicheren Tod entlassen.

Schon der Weg für die vielen Vor-Ort-Helfer der ausländischen Sicherheitskräfte aus dem ganzen Land in die Hauptstadt war lebensbedrohlich. In den eigenen Viertel weiß jeder, dass man den Amerikanern, Engländern oder Deutschen geholfen hat. Tausende von Unterstützern stehen vor dem Tod durch die Taliban, werden sie ergriffen. Der Flughafen ist der einzige Hoffnungsschimmer.

333 ehemalige Ortskräfte konnte Deutschland in den vergangenen Wochen aufnehmen und mit ihnen 1675 Familienangehörige, 1000 weitere Helfer haben ein Visum, aber keine Ausflugmöglichkeit, 2000 Menschen hätten darüberhinaus die Berechtigung auf ein Visum. Doch es gibt keine Botschaften mehr. Wo soll man hin? Wer nimmt einen Visumantrag an?

Die Nationen, die in Afghanistan stationiert waren, haben diese Menschen im Stich gelassen. Zwei oder drei Flugzeuge werden nicht reichen. Vielleicht würde ich mich auch an ein Flugzeug hängen, um den Taliban zu entgehen. Wer weiß das schon? In Gedanken bin ich in Kabul und ich bin dankbar, dass ich als Deutscher in einem Land wie diesem leben darf, sagt ein nachdenklicher Mounir.