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MENSCH ANGELA

von | Okt 27, 2020

Wie steht am Morgen eigentlich die mächtigste Frau der Republik auf? Die Frau, von der so vieles in diesem Lande abhängt? Reckt sie sich im Pyjama nach dem Aufstehen und denkt an Markus Söders Gehabe? Schaut sie als allererstes auf ihr Handy für die neusten RKI-Zahlen? Was denkt sie, wenn sie sich vor dem Spiegel die Zähne putzt? Trinkt sie ihren Latte Macchiato, liest Zeitung und sagt zu ihrem Mann: „Das gibt es doch nicht, 50 000 Neuinfizierte in Frankeich?“ Geht sie ans Fenster, schaut aus ihrer Wohnung hinaus auf die Museumsinsel in Berlin-Mitte, sieht die Menschen mit Masken umherlaufen und fragt sich: Mache ich wirklich alles richtig? Spürt diese Frau nie Unsicherheit in diesen mehr als unsicheren Zeiten? Wie verlässt ein Mensch seine Wohnung, der für 80 Millionen Menschen vorangehen soll? Der entscheiden muss. Der in der Verantwortung steht. Der weiß, dass jede Geste, jedes Wort vom ganzen Land registriert wird. Der auch nicht wirklich sagen kann, ob alles gut wird. Bestimmen kann anstrengend sein. Will „Mutti“ nicht auch mal ihre Ruhe?

Deutschland steht so gut da wie nur wenige andere Länder in Europa. Manche sehen das, manche nicht. Angela Merkel hat ihren Teil dazu beigetragen. Seit März macht sie einen Job, um den sie einige andere Staatschefs beneiden. Sie kümmert sich, sie erklärt, sie moderiert. Ohne Getöse, ohne alphatierische Anwandlungen. Das mag ich. Merkel wirkt wie eine Präsidentin, fern jeder Parteiencouleur. Sie schwebt über den Dingen, legt sich nicht sofort fest, hat alles im Blick. Das kann in der Alltagspolitik oftmals nerven und falsch sein. Aktuell tut das gut. Unser Land hat eine Frau an der Spitze, die das Geschehen wie eine echte Staatsfrau lenkt. Die aber auch keinen ausgefeilten Lösungsplan in der Schublade hat. Und dennoch: Sie ist weiter mit Abstand die beliebteste Politikerin. 64 Prozent aller Deutschen befürworten zudem die aktuellen Maßnahmen. Eine Bundestagswahl würde die CDU mit über 20 Prozent Vorsprung vor der SPD gewinnen. Ich weiß nicht, ob ich das gut fände, aber eine Mehrheit vertraut ihr.

Im März hielt sie eine Rede an die Deutschen, die historisch genannt werden kann, weil in ihr alles steckte, was verunsicherte Menschen brauchen: Empathie, Ehrlichkeit, Entschlossenheit. Nun appelliert sie erneut an die Bevölkerung, will sie mit ins Boot nehmen. Sie will keine Kanzlerin sein, die von Verordnungen lebt; sie setzte von Anfang an auf den Kooperationswillen aller Deutschen, auf ihr Verständnis. Sie setzte auch auf die Eigenverantwortlichkeit der Länderchefs. Dass deren Alleingänge sie verdrießen, ist kein Geheimnis, aber sie weiß auch um die großen Vorteile des Föderalismus und vor allem auch um die Selbstdarstellungsreflexe mancher Ministerpräsidenten. Also versucht sie mit ihren Mitteln, die Länder auf einen Kurs zu bekommen. Zu hart, zu weich? Hinterher ist man immer schlauer. Ich bin froh, dass eine Frau, diese Frau derzeit die Dinge vorgibt.

Was das alles mit ihr macht, weiß ich nicht. Wie geht die mächtigste Frau des Landes an Tagen wie diesen wohl ins Bett? Sagt sie sich, oh, dem Laschet habe ich heute bei der Tel-Ko schön einen mitgegeben? Denkt sie an Thomas Oppermann, den SPD-Politiker, der einfach tot umgefallen ist? Zweifelt sie kurz vor dem Einnicken daran, ob sie alles richtig macht? Hält sie Händchen mit ihrem Mann, wenn sie das Licht ausmacht? Wacht sie nachts auf, weil sie schlecht träumt? Vielleicht ist es das, was ich heute mal loswerden will: Angela Merkel ist ein Mensch wie wir alle und sie versucht gerade ihr Bestes zu geben. Und sie hat einen Job, um den ich sie nicht beneide, sagt ein nachdenklicher Mounir.