LÖWENRUDEL OHNE BEUTE

von | Jan 11, 2021

Fußball. Die schönste Nebensache der Welt. Von wegen.
Wenn ein ganzer Verein, eine ganze Stadt, ja ein ganzes Land mit dem Finger auf dich zeigt, dich auslacht und verspottet, dich beschimpft und runtermacht, dann ist es so eine Sache mit der Freude. Der Fußball soll doch Spaß machen, aber wie kann das gehen, wenn ein ganzes Jahr vorübergeht und du nicht ein einziges Spiel gewinnst?
Zeitungen liest du als Spieler von Schalke 04 schon lange nicht mehr, du gehst aus dem Haus und siehst nur noch mitleidige, abfällige Blicke. Aufmunternde Worte erträgst du gar nicht mehr. Du fühlst dich als Loser, als Versager. Von den letzten 30 Spielen hast du als Schalker Berufskicker nicht ein einziges gewonnen. So etwas hat es in der gesamten Fußballgeschichte der Bundesliga erst einmal gegeben. Gelingt am Samstag kein Sieg, gehörst du – auch statistisch belegt – zu den schlechtesten Kickern, die es je in diesem Land gegeben hat. Wo ist da bitte die Busstation zum Mond, das Boot zur Südesseinsel im Nirgendwo?
Wenn ein Schalker Fußballfan vor einem Jahr Vater geworden ist, dann hat das einjährige Kind immer noch nicht einen jubelnden Dad erlebt. Wie traurig ist das denn?
So ein Jahr kann ja ziemlich lang sein. 52 Wochen, in denen du auf dem Trainingsplatz stehst und dich als Spieler fragst, wieso haben wir nicht gewonnen, wieso machen wir immer die gleichen Fehler, wieso schießen wir keine Tore, warum sind wir so schlecht? Fragen, die dich zerfressen, die sich wie Gift in die Kabine einschleichen. Eine Mannschaft ohne Siege, das ist wie ein Löwenrudel ohne Beute. Der Hunger lähmt und zerstört das Miteinander.
Fußball, das ist doch Jubeln, Siegen, Feiern, Abklatschen, Singen. Das Gefühl des Sieges trägt dich durch die Woche, macht dich stolz, lässt deine Brust wachsen.
Du erinnerst dich, wie das noch eben war, als du aus den unmöglichsten Positionen Tore erzielt hast. Als du mit Leichtigkeit und Selbstvertrauen alles ausprobiert hast und dir beinahe alles gelang. Als die Zuschauer dir auf die Schultern klopften und du es nicht abwarten konntest, den Spielbericht am Montag zu lesen. Doch wo ist die Leichtigkeit hin, wo ist das Zutrauen, wo ist die Überzeugung?
Ein Profi muss damit umgehen können. Ein Profi muss den Schalter umlegen.
Ein Profi darf keine Schwächen zeigen. Ein Profi muss funktionieren.
Doch was, wenn nicht? Was, wenn du kein Konzept dafür hast, wie man nach 30 sieglosen Spielen immer noch eine breite Brust zeigt? Wenn du einfach nur ein Mensch bist, der Angst hat, ein Mensch, dem das Selbstvertrauen fehlt. Und du merkst: Kein Geld der Welt hilft dir in einer solchen Situation.
Mitleid ist im Sport unangebracht, Mitgefühl dagegen schon. Am Samstag kannst du als Schalker Spieler dem Verein, der Stadt, dem Land zeigen, dass du doch nicht so schlecht bist, wie alle gedacht haben. Du kannst alle überraschen, indem du um dein Leben rennst, kämpfst. Und spielst.
Egal, wie das Spiel gegen Hoffenheim ausgeht: Ich denke, ich werde mit den Schalkern mitfühlen, sagt ein nachdenklicher Mounir.