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Interview mit einem Baum

von | Aug 11, 2020

Hallo, wie geht’s Ihnen denn so?

Beschissen. Völlig ausgetrocknet.

Trinken Sie halt mal einen Schluck Wasser.

Sie sind gut. Da bräuchte es eher einen ganzen Wolkenbruch….

Kommen Sie, wir haben Sommer…. Da gehört ein wenig Schwitzen dazu…

Stehen Sie mal den ganzen Tag in der Gegend herum so wie ich. Meinen Kollegen in ganz Europa geht es ähnlich. Viele Regionen Mitteleuropas leiden unter der schlimmsten Dürre seit 250 Jahren.

 Der deutsche Wald hat schon Schlimmeres geschafft, wenn ich an das Waldsterben in den 80-ern denke…

Das glauben Sie. Ein deutsch-tschechisches Wissenschaftlerteam unter Leitung des Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung hat festgestellt, dass es seit 1766 in Mitteleuropa keine zweijährige Sommer-Dürre dieses Ausmaßes gegeben hat. Die beiden vergangenen Jahre übertrafen sogar die bisherige Rekorddürre von 1976. Seit Beginn der Messung in den frühen 50er-Jahren war der Oberboden noch nie so trocken wie 2018. Mehrere Jahre in Folge ist Deutschland nun extrem von Dürre betroffen.

Früher waren die Bäume weniger wehleidig…

Wie bitte?! Schauen Sie mich doch an. Es ist August und ich werfe seit Wochen gelbe Blätter ab, meine Krone ist schon ganz licht. Die Äste ragen wie Krallen in den Himmel. Die ganzen Wege um mich herum sind staubtrocken. Wenn da zwei Radfahrer vorbeifahren bin ich vom Staub eingenebelt. Wir kommen an kein Wasser mehr, der Spiegel hat sich extrem abgesenkt. Lustig ist das nicht.

Glauben Sie nicht, dass sich das mit den nächsten Regentagen wieder normalisiert?

Nein! Sie können sich das gar nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn Freunde und Nachbarn reihenweise sterben, abgeholzt und abtransportiert werden. Um mich herum ist von dichtem Baumbestand nichts mehr zu sehen, Überall Lichtungen. Das ist alles so traurig. Wir kommen mit dem Beerdigen gar nicht mehr nach. Der Anteil von Bäumen ohne Schäden in den Kronen – ein wichtiger Indikator für die Gesundheit – war noch nie so gering wie 2019. Die Statistik wird seit 1984 erhoben. Der Wald ist krank und die Welt muss das wissen. 300 000 Hektar zerstörter Wald werden aktuell aufgeforstet, das ist mehr als das Saarland. Und das ist gerade mal der Anfang.

Zum großen Teil hängt das doch mit den Borkenkäfern zusammen, hat doch weniger mit dem Klima zu tun.

Natürlich hat es das! Uns fehlt einfach Wasser! Wir trocknen von innen aus und haben keinen Abwehrmechanismus gegen die Schädlinge, die sich ungehindert in uns breitmachen. Buchen, Fichten, Kiefern, Eschen – alle sind am Sterben. Ich bin erst 50 Jahre alt, aber ich will noch nicht abgeholzt werden.

Fürchten Sie um Ihr Leben?

Nicht nur ich. Das Statistische Bundesamt hat doch mitgeteilt, dass 2019 mit 32 Millionen Kubikmetern fast dreimal so viel Schadholz aufgrund von Insektenschäden eingeschlagen wurde wie im Vorjahr mit 11 Millionen Kubikmetern. Im Jahr 2017 waren es noch 6 Millionen Kubikmeter. Das sind doch Alarmzeichen.   

Und dann gibt es aktuell auch noch das viele Feuer.

Hören Sie mir auf… Überall steigt die Gefahr der Waldbrände. 2018 hat es sechsmal so viel Waldbrände wie 2017 gegeben und das Niveau ist stabil geblieben. Erinnern Sie sich an Australien? Oder Griechenland und Portugal 2019? Und durch diese Brände werden Massen an klimaschädlichen Co2-Mengen freigesetzt, was wiederum den Treibhauseffekt unterstützt. Ein Teufelskreis.

Was kann man machen? Neue Baumbestände pflanzen? Wären Sie dafür?

Wir haben noch keine Ahnung davon, welche Arten den Klimawandel mitmachen. Es ist völlig unklar, welche Baumart es in 50 Jahren hier noch aushält, wenn es so weitergeht. Der Wald der Zukunft wird ein anderes Aussehen haben als heute. Klimatisch bewegen wir uns doch in Richtung Mittelmeerraum. Beim Forst fängt man ja an, auf trockenresistente Arten umzustellen, wie zum Beispiel auf Hainbuche, Elsbeere und Feldahorn. In Freiburg habe man mit der nordamerikanischen Douglasie gute Erfahrungen gemacht. Auch die Libanon-Zeder könnte in Frage kommen.

Sie machen Witze. Libanon-Zeder, hier bei uns?

Ich bin bald nicht mehr da, es geht darum, den Wald in ein zukünftiges Klima hinüber zu retten. Aber niemand weiß derzeit, wie sich angepflanzte neue Bäume in den nächsten Jahrzehnten mit den sich ändernden Klimaverhältnissen arrangieren werden. Das ist die Herausforderung.

Heißt?

Vielleicht ist es am besten, wenn man versucht, uns zu schützen und auf massive Aufforstungen verzichtet.

Wie kann man Sie am besten schützen?

Wir müssen es schaffen, den menschlich geschaffenen Klimawandel einzudämmen. Aber ob ich das noch miterlebe….

Mal nicht so pessimistisch.

Wenn wir so weitermachen…Es gibt eine Studie, die die Klimadaten der letzten 10.000 Jahre ausgewertet hat und zu dem Schluss gekommen ist, dass selbst zwei Grad globale Erwärmung große Teile der typischen Mittelmeervegetation nicht überleben würden. Und dann ist ein Vordringen der Wüste über das Mittelmeer hinweg nach Portugal, nach Spanien hinein, ein durchaus zu befürchtendes Szenario. Habe ich gerade erst gelesen.

Düstere Prognose.

Es ist für die Zukunft auf der Erde eine ganz entscheidende Frage, ob wir es schaffen können, den Klimawandel so rechtzeitig zu stoppen, dass uns nicht große Teile von Wäldern auch in anderen Weltgegenden verloren gehen, weil sie eben nicht an das sich stark verändernde Klima mehr angepasst sind. Früher hätte es das alles nicht gegeben…

Der gute deutsche Wald… Zurück zu Ihnen: Was werden Sie heute noch machen?

Ich bin heute gut drauf, denn es soll Gewitter geben. Ich schaue also, dass eventuell Wasser bekomme und werfe mich dann für die Tagesspaziergänger in Schale ….

Danke für das Gespräch.

Wie viel Zeichen braucht es noch, dass wir verstehen, was wir der Natur gerade antun? Wir schaffen es, unseren Kindern einen Planeten zu hinterlassen, der mit dem, wie wir ihn vorgefunden haben, nicht mehr viel zu tun hat…. Ist das unsere Absicht? Stell dir vor, du gehst in den Wald und da ist keiner mehr, sagt ein nachdenklicher Mounir