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Gleichberechtigung?

von | Dez 1, 2020

Ich bin wütend.
Dass ich in Abu Dhabi feiste, dickbäuchige Männer im Pool mit den Kindern plantschen sehe und ihre in schwarz verschleierten Frauen bei 35 Grad am Beckenrand schwitzen.

Ich bin wütend.
Dass auf Sansibar die Männer zu Dutzenden an der Straße herumlungern und ihre Frauen zur gleichen Zeit kochen, sich um die Kinder kümmern und Kokosnüsse zu Kokosöl verarbeiten.

Ich bin wütend.
Dass in Indien Frauen ohne männliche Begleitung als „Freiwild“ gelten.

Ich bin wütend.
Dass jedes Jahr drei Millionen Mädchen unter 15 eine Genitalverstümmelung erleiden.

Ich bin wütend.
Dass in Japan drei Viertel aller Frauen schon sexuell belästigt wurden.

Ich bin wütend.
Dass in Saudi-Arabien Frauen ohne die Zustimmung ihres männlichen Vormundes nicht heiraten dürfen.

Ich bin wütend.
Dass in Laos von zehn Kindern, die im Fluss plantschen, zehn Jungs sind, weil sich das für Mädchen nicht schickt.

Ich bin wütend.
Dass studierte junge Frauen in Indonesien keinen Job als Ingenieur bekommen, weil die Männer das für keine Arbeit halten, die für Frauen angebracht ist.

Ich bin wütend.
Dass nur vier Prozent aller Hollywoodstreifen von Kamerafrauen gefilmt werden.

Ich bin wütend.
Dass weltweit jedes Jahr 12 Millionen Mädchen zwangsvermählt werden.

Ich bin wütend.
Dass 5000 Mädchen und Frauen jedes Jahr Opfer von Ehrenmorden werden.

Ich bin wütend.
Dass Frauen auch in Deutschland darüber nachdenken müssen, wie weit weg von der Wohnung sie nachts ihr Auto parken können.

Ich bin wütend.
Dass in Deutschland Frauen aufgrund ihrer schlechteren Bezahlung 77 Tage im Schnitt umsonst arbeiten.

Ich bin wütend.
Dass in Deutschland von 100 Vorstandsposten nur 12 von Frauen besetzt sind.

Ich bin wütend.
Dass in Deutschland weniger als 15 Prozent aller Wirtschaftsprofessoren weiblich sind.

Ich bin wütend.
Dass sich in den 78 herzchirurgischen Abteilungen der deutschen Krankenhäuser nicht eine einzige Chefärztin findet.

Ich bin wütend.
Dass über 92 Prozent der Mitglieder in den Chefredaktionen deutscher Regionalzeitungen männlich sind.

Ich bin wütend.
Dass 201 von 210 Posten in Aufsichtsräten, Präsidien und Vorständen im deutschen Profifußball von Männern besetzt sind.

Ich bin wütend.
Dass der Anteil bei den männlichen Führungskräften in unseren Uni-Kliniken bei 90 Prozent liegt.

Ich bin wütend.
Dass im deutschen Bundestag der Frauenanteil nur bei 30 Prozent ist.

Ich bin wütend.
Dass drei von vier Chirurgen in Deutschland Männer sind.

Ich bin wütend.
Dass in unserem Grundgesetz steht: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ und viele das nicht interessiert.

Ich erinnere mich doch noch an die Grundschule, an das Gymnasium. Da gab es Barbara, das Genie in Mathematik und Physik. Elga, die mich bei 50-Meter-Lauf abhängte. Nicole, die eine Stufe übersprang. Annabelle, die in jedem Fach über 12 Punkte kam. Heike, die Schulsprecherin war.

Die Mädchen waren die Lokomotiven. Sie glänzten. Wir Jungs? Nahmen uns wichtig, wir waren laut. Wir machten uns lustig, aber bei den Noten lachten eher die Mädels.

Und dann, einige Jahre später dreht sich das einfach? Plötzlich sind wir Jungs diejenigen, die die Vorstandsetagen, die Fachabteilungen, die Rathäuser, die Uni-Professuren dieser Republik dominieren? Weil wir Spätentwickelte sind? Weil wir zum Stamm der Plötzlich-schlau-Indianer gehören? Weil wir das Uni-Lernen so viel besser kapieren… ? Da stimmt doch was nicht.

Innerlich haben die meisten Männer immer noch die Überzeugung: Lasst uns mal machen. Von wegen Gleichberechtigung. Viele Männer, die einen Monat Elternzeit einlegen und mal hautnah miterleben, wie sich eine Totalversorgung der Kinder anfühlt, sind froh, sich danach wieder ihrer Karriere zu widmen, während die Frauen meistens andere Prioritäten setzen. Oder sie versuchen, alles unter einen Hut zu bekommen: Kinder versorgen, im Job glänzen, das soziale Umfeld organisieren und auch noch hübsch ausschauen. Ein schmaler Grat.

Ich habe zwei Töchter. Ich sagte mal zu beiden: „Ihr könnt alles werden in diesem Leben – wenn Ihr es wirklich wollt.“ Ist das so?

Schaut die Welt an, schaut unser Land an: Trotz einer Merkel, trotz einer von der Leyen brauchen wir in der Emanzipation eine neue Vision, von dem, was Mädchen und Frauen sein können. Und wir Männer müssen uns fragen, an welchen Stellen wir immer noch diskriminierend handeln, denken, reden. Wir alle sollten einen neuen Geist in die Welt hinaustragen, dürfen nicht müde werden, aufmerksam für die Ungleichbehandlung der Frauen zu sein. Und wir brauchen Geld für Aufklärungskampagnen in den unterentwickelten Ländern dieser Welt. Damit in ein paar Jahren in Laos genauso viele Mädchen wie Jungs ins Wasser springen, sagt ein nachdenklicher Mounir