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GESPRÄCH ÜBER DAS KLIMA

von | Sep 14, 2021

Wir sind im Jahre 2045. Die Erderwärmung liegt weit über 1,5 Grad. Das Ziel der internationalen Gemeinschaft ist somit gescheitert. Die Folgen für den Erdball sind dramatisch. Überflutungen, Hitzewellen und Dürreperioden sind zur Regel geworden. Viele Regionen auf der Welt sind unbewohnbar geworden, das Waldsterben hat dramatische Ausmaße angenommen, Ernteausfälle sorgen für große Nöte, 90 Prozent der Korallen sind zerstört, die Arktis ist im Sommer eisfrei, Tierarten sind ausgestorben, Millionen Menschen sind auf der Flucht. Ein Gespräch zwischen Vater und Tochter.

TOCHTER: Papa, ich versteh das nicht. Wenn Deutschland das Pariser Abkommen 2015 unterzeichnet hat und sich damit verpflichtete, alles dafür zu tun, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, wieso hat man denn dann nicht gleich alles dafür getan, so schnell wie möglich klimaneutral zu werden? Jetzt ist es zu spät dafür.
VATER: Das hat unsere Regierung damals schon ernst genommen.

TOCHTER: Das stimmt nicht. Das Bundesverfassungsgericht hatte das erste Klimaschutzpaket der damaligen Regierung für unzulässig erklärt. Das musst du dir mal vorstellen.
VATER: Okay, die brauchten eben noch ein bisschen.

TOCHTER: Aber doch nicht bei einem solch wichtigen Thema. Ich habe mal nachgeschaut. In den Jahren nach 2015 verzeichnete die Windenergie einen Rückgang um 40 Prozent. Die Förderungen wurden zurückgenommen, Auflagen verhinderten im ganzen Land den Ausbau der Windenergie.
VATER: Aber dafür wurde bei der Solarenergie von Beginn an Gas gegeben.

TOCHTER: Ja, vielleicht Anfang des Jahrhunderts. Gerade unter Merkel war es ein Desaster. In ihrer Zeit schaffte man es, dass seit 2010 die Investitionen bei der Photovoltaik um 80 Prozent sanken, 110 000 Arbeitsplätze vernichtet wurden. Dadurch wanderten die Investoren und Forscher ab. Länder wie China wurden führend. Angesichts der dramatischen Entwicklungen weltweit hätte das Ausbautempo bei der Solarenergie Anfang der 2020er-Jahre in Deutschland fast viermal so hoch sein müssen, um die Energiewende zu schaffen. Man hatte viel zu lange auf Kohle gesetzt.
VATER: Die Menschen dachten, es sei alles nicht so dramatisch.

TOCHTER: Aber Papa! Ihr hattet von 2018 bis 2020 die trockensten Sommer in der Geschichte Deutschlands, 2021 war der heißeste Sommer Europas, seit es Wetteraufzeichnungen gab, Waldbrände in der ganzen Welt, ob USA, Australien, Spanien, Türkei oder Griechenland, die ganze Regionen zerstörten. Zwischen 1880 und 2020 stieg die Durchschnittstemperatur in Deutschland um 2 Grad. Der gemessene Anstieg des Meeresspiegels, die Erwärmung der Binnengewässer, das Schmelzen der Gletscher und des Polareises, das Ausbreiten von Wüsten. Das war ja alles schon da. Man musste ja blind sein.
VATER: Es war ja lange nicht klar, wer dafür verantwortlich ist.

TOCHTER: Papa, der Weltklimarat hat bereits 2021 im sechsten Sachstandsbericht zu den naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels offiziell festgestellt, dass wir Menschen zu 100 Prozent für den Klimawandel verantwortlich sind.
VATER: Klimarat? Damals gab es verschiedene Meinungen zur Klimakrise.

TOCHTER: Das ist falsch. Der Weltklimarat oder IPCC ist eine Vereinigung von 200 Wissenschaftlern aus 66 Ländern, deren Ergebnisse von 160 Organisationen aus der ganzen Welt gegengecheckt wurde und dann auch von der UN einstimmig angenommen werden muss. 14.000 Studien wurden damals zu den naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels ausgewertet.
VATER: Okay, aber Deutschland ist eben nur ein Land unter vielen. Warum hätten wir mehr für den Klimaschutz tun sollen? China und die USA waren viel schlimmer.

TOCHTER: Du verharmlost! Berechnungen aus dem Jahr 2021 bewiesen, dass Deutschland seit der Industrialisierung, hochgerechnet auf die Pro-Kopf-Menge, viel mehr zur Erderwärmung beitrug als beispielsweise China oder Indien. Wir hatten 2021 einen CO2-Ausstoß, der höher war als von ganz Afrika.
VATER: Deshalb haben ja auch alle Parteien vor der wichtigen Wahl 2021 das Thema Klima in den Vordergrund gerückt.

TOCHTER: Und wieso ging dann 2020 noch ein Block des Kohlekraftwerks in Datteln ans Netz, das überhaupt nicht dort hätte stehen dürfen, wie das Oberverwaltungsgericht Münster ein Jahr später feststellte?
VATER: Gute Frage.

TOCHTER: Außerdem, wenn du wirklich die Energiepolitik ändern wolltest, dann verheimlichst du doch kein von dir in Auftrag gegebenes Gutachten.
VATER: Wie meinst du das?

TOCHTER: Das Wirtschaftsministerium unter der Leitung vom damaligen Minister Altmaier hielt ein Gutachten unter Verschluss, das belegte, dass es keine energiepolitische Notwendigkeit für den Weiterbetrieb des Kohlekraftwerkes in Garzweiler gab und damit auch nicht für das Zerstören von 5 Dörfern. Sie haben es erst veröffentlicht, nachdem die Genehmigung erteilt worden war. Das Ding lief bis 2038.
VATER: Das war nicht in Ordnung, aber es dauert eben, bis man solch einen Industriezweig abwickelt.

TOCHTER: Es war aber klar: Wenn du den Kohleausstieg erst für 2038 beschließt, dann schaffst du es nicht, klimaneutral zu werden.
VATER: War das so klar?

TOCHTER: Ja natürlich. Der deutsche Umweltrat, der die Bundesregierung berät, hatte für das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels berechnet, wie viel CO2 Deutschland noch ausstoßen darf. Allein die Emissionen der Kohlekraftwerke haben die Hälfte unseres Budgets gefressen. Damit war 2021 allen Parteien klar, dass sie das 1,5-Grad-Ziel verpassen würden.
VATER: Hätte man gewusst, wie schlimm es uns mit den Folgen der Erderwärmung trifft, hätte man damals bestimmt anders gehandelt.

TOCHTER. Die Experten waren sich vor der Wahl 2021 einig: Um das CO2-Budget für 1,5 Grad noch einhalten zu können, müssten die Emissionen bis 2025 demnach um 60 Prozent gesenkt werden, bis 2030 um 85 Prozent und 2035 müssten null Emissionen erreicht werden. Aber das wollten die Politiker nicht hören. Die Folge war, dass wir schon 2025 unser CO2-Budget überschritten. Es ist einfach verheerend gewesen, dass die Menschen nicht die richtigen Schlüsse gezogen haben.
VATER: Ich hätte dir gerne eine andere, eine gesündere Welt überlassen. Ich muss dir zustimmen: 2021 hätten wir die Weichen noch anders stellen können…

TOCHTER: Das wurde damals immer gesagt: „Wir wollen unseren Kindern eine bessere Welt hinterlassen“. Nur getan habt Ihr nichts dafür….

Wir rasen auf eine Mauer zu und sind nicht bereit, eine Vollbremsung hinzulegen. Eine Vollbremsung, die unseren Kindern und Kindeskindern zugute kommt, der Natur, unserer Erde, unserer Zukunft. Ich glaube, viele haben immer noch nicht verstanden, wie sehr die Folgen der Klimakatastrophe unsere Welt zerstören werden. Wir sehen die Mauer und wechseln allerhöchstens die Spur, sagt ein nachdenklicher Mounir.