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DRAUSSEN IST ES KALT

von | Dez 15, 2020

Zwei Grad sind es an diesem Dezembervormittag. Der eisige Wind lässt die Menschen schneller als sonst durch die Innenstadt Frankfurts huschen.

Ich trotze auf dem Lastenrad mit meiner langen Unterhose, dem dicken Schal, der Mütze und den Handschuhen einigermaßen gut den Temperaturen. Meine Aufgabe ist es heute, Obdachlosen, Menschen, die auf der Straße leben, die kein anständiges Dach über dem Kopf haben, mit einem Weihnachtspaket der Frankfurter Bernd-Reisig-Stiftung „helfen helfen“ eine Freude zu bereiten.

Nichts Großes, schon gar nichts Heldenhaftes. Ein Beutel mit Obst, Mütze, Schal, Nikoläusen, Getränken und Handschuhen richtet kaum etwas gegen die schlimme Lebenssituation dieser Menschen aus. Es ist vielmehr eine Geste. Eine Geste, die zusammenbringen soll, die zumindest das eine ausdrücken will: Ihr seid uns nicht egal.

In Deutschland gehen Schätzungen von über 650 000 Wohnungslosen aus. Viele von ihnen schlafen auf der Straße. In Frankfurt sollen es 400 bis 500 Menschen sein. Und die brauchen Hilfe.

Ich fahre Richtung Bahnhofsviertel los und mache mich auf die Suche nach Menschen auf der Straße. Ich muss nicht lange suchen. Eine Frau ohne Beine sitzt bei der klirrenden Kälte Ecke Kaiserstraße/Weserstraße vor einem Rewe auf dem Bürgersteig. Sie wirkt alkoholisiert. Ich spreche sie an. Sie hat keinen Hunger, aber als sie von den Handschuhen und Schal hört, greift sie zu. Ich fahre weiter und ich finde minütlich weitere Menschen, die auf den Bürgersteigen dieser Stadt ein elendes Dasein führen.

Je länger ich unterwegs bin desto mehr registriere ich die große Anzahl der Hilfsbedürftigen. Plötzlich scheint die ganze Stadt voll von Obdachlosen zu sein. Kommt immer drauf an, mit welchem Blick man durchs Leben geht.

Wo ich sonst den schönen Altbau sehe, die hippe Bar registriere, den schicken Laden besuche, da sehe ich jetzt den Mann, der auf der Straße liegt, entdecke die Frau, die mit leblosen Blick die Hände nach ein paar Cents ausstreckt. Es ist bedrückend und traurig.

Aber der Kontakt, die kurzen Gespräche tun nicht nur den Obdachlosen gut, auch mir. Wo ich sonst eiligen Schrittes an den Obdachlosen und Drogenabhängigen vorbeimarschiere halte ich nun und frage, ob ich helfen kann. Ungewohnt, merke ich. Wann habe ich zuletzt das Wort direkt an sie gerichtet? Ich schäme mich fast ein wenig. Ja, wir alle sind nicht frei von Berührungsängsten. Deshalb gilt es, sich stets zu hinterfragen, sich immer wieder aus der eigenen Komfortzone herauszubewegen. Einfach mal fragen, ob man helfen kann: Das sollte und müsste doch öfters mal drin sein.

Auf der Zeil treffe ich Igor. Er ist Ukrainer und kommt aus Luzk. Igor hat ein Akkordeon in den Händen und spielt mit seinen eiskalten Händen Weihnachtslieder. Er erzählt, dass er seit einigen Jahren in Deutschland als Erntehelfer arbeitet. Im Winter habe er aber „keine Arbeit“, sagt er. Und sonst? „Frau weg, mit Sohn“, erklärt er. „Ich kaputt“, sagt er. So wirkt Igor auch. Er sieht müde und abgekämpft aus. Die Wintertage auf der Straße zu verbringen, das macht nicht gesünder. Nachts geht Igor regelmäßig in eine Frankfurter Notunterkunft. Immerhin. Er nimmt das Weihnachtspaket gerne an und bedankt sich herzlich dafür. Ich denke mir, das ist nicht viel.

20 Meter weiter kommen die Menschen in schicken Winteroutfits mit prall gefüllten Einkaufstaschen fürs Weihnachtsfest aus den Geschäften. Die Gegensätze könnten nicht größer sein. So ist aber die Welt. Heute wird mir das wieder mal bewusst. Umso wichtiger ist es, die Obdachlosen auf der Straße als Menschen wahrzunehmen. Ihnen Achtung und einen Blick zu schenken. Sie sind keine Litfaßsäulen, keine Stromkästen, keine Abfalleimer, es sind Menschen, die mitten unter uns leben und leiden.

Nach einer Stunde sind meine 14 Tüten verteilt. Ich fahre zurück nach Hause. Ins Warme. Ins Komfortable. Ins Gemütliche. Diese Chance haben viele andere in diesem Land nicht. Ich mache mir eine Mahlzeit und schätze mich glücklich. Verglichen mit dem Leid der Obdach- und Wohnungslosen sind meine Probleme doch recht überschaubar.

Lasst uns also schätzen, was wir haben und nicht nur zu Weihnachten an die Schwachen dieser Gesellschaft denken, auch wenn das Leid anderer bedrückend sein kann.

Frohes Fest für alle da draußen, sagt ein nachdenklicher Mounir.